homoeopathische praxis | armin seideneder


ansatzpunkte

zur

diskussion

über

eine

revidierte

materia medica

homoeopathica




1) aus einem Brief des Kollegen Klaus Scheiman-Burkhardt (Toronto):



... die grundfrage ist doch erfolg oder misserfolg in der praxis, woran sich alle paradigmen messen lassen sollten. noch mehr symptome unterschiedslos aneinanderzureihen, ich weiss nicht ob das unsere werkzeuge schlagkraeftiger macht. der unterschied wird zwar gemacht zwischen pathogenetisch, verifiziert (wie oft?) und klinisch - doch ich moechte in erster linie wissen, wieviel maeuse die katze tatsaechlich gefangen hat. ich weiss, das klingt sehr opportunistisch, ist es auch, der paragraph 1 des organon jedoch auch.

statt opportunismus, koennte man auch pragmatismus sagen - und ich glaube, das war der entscheidende befreiungsschlag der amerikanischen homoeopathie, die verschiebung des schwerpunktes zur klinik hin. doch was in der praxis mehr oder weniger stillschweigend vollzogen wurde, die theoretischen dogmen - primat der pruefung, mathematische heilungsgewissweit - wurden einfach so stehen gelassen. angst vor subjektivismus?

der entscheidende vorteil der homoeopathie gegenueber anderen therapierichtungen ist fuer mich die feindifferenzierung, dass wir ressourcen zur einschaetzung haben, in welchen faellen wir mit einem mittel einen groessere aussicht zum erfolg haben. ich bezweifele, dass sich diese frage vorwiegend apriori beantworten laesst. es ist natuerlich toll, dass wahlanzeigende symptome sich nicht nur in der klinik bewaehren, sondern auch zum teil in der pruefung schon ihre schatten vorauswerfen - nicht mehr und nicht weniger. fragen wir uns doch einmal warum sich hahnemann's klinische angaben entgegen seinen warnungen haeufiger bewaehrt haben als eine mehrzahl der pruefungssymptome. oder das kleingedruckte klinische in allen's hand book. warum unterscheiden sich die summe der hochrangigen symptome oft so deutlich von dem pruefungsinbegriff. nimm zwei homoeopathen, der eine lernt das mittel ausschliesslich aus der pruefung, dem anderen gebe man ausschliesslich die 3 hoechsten grade aus den guiding symptoms + lippe's textbook + guernsey's keynotes + synoptic key. lass beide eine zusammenfassung des mittels schreiben!!! wie gehen wir mit dieser diskrepanz um. warum werden grundfragen, die sich durch untersuchung der phaenomene der wirklichkeit foermlich aufdraengen so oft in der homoeopathie ignoriert? liegt unsere daseinsberechtigung als homoeopathen nicht in unseren praktischen ergebnissen, und zwar ausschliesslich? wie kommt es, dass wir zwar eine interessante drosera pruefung haben, die klinische ausbeute aber ausserhalb des hustens aeusserst mager aussieht. wurde die pruefung aus irgendwelchen mysterioesen gruenden ignoriert oder war die symptomatologie in der praxis einfach nicht schlagkraeftig genug? wie kommt es, dass eine begrenzte anzahl von mitteln sich den loewenanteil der klinik teilen. liegt das an der faulheit der homoeopathen oder am bewahrungsgrad? am ersteren wohl kaum. mir scheint, man hat sich auf jede pruefung mit grosser erwartungshaltung und enthusiasmus gestuerzt, zumindest in der fruehzeit der homoeopathie. welche konsequenzen ziehen wir daraus?  muessen wir etwas ueber bord werfen, das wir de facto nie besassen - die apriori heilungsgewissheit, zugunsten der entwicklung individueller verschreibungskunstfertigkeit. ist die standardisierte homoeopathie wirklich so shit-hot, oder hat sich der ruf der homoeopathie schon immer  dem impact einer minderheit von eigenbroedlern und tueftlern zu danken.

einer der schwachpunkte der guiding symptoms ist der fehlende zugang zum ganzen fall, was meiner meinung nach unerlaesslich fuer die entwicklung der eigenen urteilsfaehigkeit ist. doch immerhin erhalten wir syndrome, symptomenkombinationen.
bewaehrte syndrome, das finden wir auch in den schriften von kellers - und zwar auch neue syndrome, als destillat  seiner klinik. mir ist die klinische erfahrung wichtig, die eigene (begrenzte) und die von anderen - da waren menschen aus fleisch und blut mit all ihren erfahrungen und begrenztheiten am krankenbett und haben versucht hinweise und anhaltspunkte aus diesem verwirrenden geschehen herauszufischen und in eine durchschlagende mittelwahl zu uebersetzen. da steckt ein grosses ausmass an subjektivitaet, kontingenz und persoenlicher erfahrung drin. davon moecht ich lernen, und zwar unabhaengig von namen und rang. ansonsten wird das wie mit der heute ueblichen standardisierten sog. objektiven bachinterpretation - viel noten, wenig musik, viel langeweile.

....sehe ich mir die letzten baende der keller'schen sammlungen an, z.b. kali carb, so sehe ich einen fortschritt im vergleich zu den ersten baenden - ich habe zugang, vom symptom zum fall. wieso geht man davon wieder einen schritt zurueck. gibt es eigentlich einen dritten weg zwischen oder jenseits von konservatismus und anything-goes-beliebigkeit? wie koennte der aussehen?

auf die letzte frage hoffe ich in den naechsten jahren eine praktische antwort zu finden.


liebe gruesse,

klaus






Diese Seite ist offen für Antworten, Einwürfe, Kritik......